TERESA, unser Sonnenkind    

Wenn ich heute zurückblicke, kann ich sagen, dass mein Leben doch wieder hell und warm wurde, dass es jetzt wieder erfüllt ist von Vertrauen, Zuversicht und Liebe. Nie hätte ich gedacht, dass ich je wieder so empfinden könnte. Am 18.8.98 starb nicht nur meine Tochter Teresa, sondern mit ihr auch viele meiner Träume, Hoffnungen und ein Stück von mir selbst. Ich fiel in ein Loch des Schmerzes und der Trauer und hatte das Gefühl nie wieder zu einem frohen, erfüllten Leben zurückfinden zu können.

Wir heißen Petra und Christian und sind seit 1990 verheiratet. Unser erstes Kind, David, wurde im Feb. 1992 geboren. Schwangerschaft und Geburt verliefen ganz normal und David entwickelte sich zu einem aufgeweckten Bürschchen.

Nach ein paar Jahren wünschten wir uns ein Geschwisterchen für David. Im Dez. 1997 war ich mit Teresa schwanger. Sie sollte im August 1998 geboren werden.

Schon während der Schwangerschaft war mein Mädchen ein temperamentvolles Wesen. Es änderte fast täglich die Lage und war fast den ganzen Tag munter und aktiv. Teresa verstand es, mich durch ihre aufgeweckte Art zum Lachen zu bringen. Oft hatte ich das Gefühl, sie würde sich über mein Lachen freuen, denn dann schlug meine Bauchdecke noch größere Wellen!

Eine Woche bevor Teresa starb, wurden ihre Bewegungen schwächer, was untypisch war. Ich suchte das Spital auf und wurde gründlich untersucht. Es gab keinen Hinweis darauf, dass es meinem Kind schlecht gehen könnte.
Während der darauffolgenden Woche waren die Bewegungen meiner Tochter wieder so, wie ich sie von ihr gewohnt war.
Dann nahmen die Bewegungen wieder ab. Ehrlich gesagt hatte ich Scheu davor, schon wieder ins Krankenhaus zu gehen und als hysterische Mutter zu gelten.

Teresa hatte sich den ganzen Tag über nicht bewegt. Meine Angst war übergroß, als ich abends ins Spital ging. Die Hebammen fanden keine Herztöne und holten den Arzt, der mit der Ultraschalluntersuchung begann.

Ich erkannte selbst sofort das Herz, das sich nicht mehr bewegte. Der Arzt konnte es anscheinend auch nicht fassen und er suchte und suchte. Ich sagte: "Mein Baby! Was ist mit meinem Baby!?" Ich war wie gelähmt.
Der Arzt meinte: "Es tut mir leid, ich finde keine Herztöne."
Man bot mir an, sofort meinen Mann anzurufen. Erst als ich ihn am Handy hatte, brach ich in Tränen aus und sagte nur: "Unser Kind ist tot."
"Was passiert jetzt?" fragte ich die Hebamme.

Mir wurde erklärt, dass es am besten wäre, wenn unsere Tochter normal geboren werden würde. Die Hebamme zählte mir auch mögliche Gründe für den Tod meiner Tochter auf. Ich würde wehenfördende Mittel bekommen, die die Geburt vorantreiben sollten.

Meine Vorstellungen über die Wehenmittel waren völlig falsch. Es war jetzt 20.00 Uhr am 17.8.98 und ich war der Meinung, dass unser Kind noch in dieser Nacht geboren werden würde. Man brachte meinen Mann, der bereits eingetroffen war, und mich zwar ins Kreißzimmer, aber die Wehenmittel wirkten natürlich nur langsam und es veränderte sich in den nächsten Stunden nichts.
Ich war verzweifelt, meine Gedanken und Gefühle waren so aufgewühlt, dass ich trotz des Schlafmittels, das ich bekam, nicht einschlafen konnte. Schließlich wurde dem Wehentropf irgendein starkes Schlafmittel beigemengt und ich wurde in ein Zimmer gebracht. Ich hatte furchtbare Angst, mein Mann könnte nach Hause geschickt werden. Erst als ich sicher war, dass er bei mir bleiben durfte, schlief ich endlich ein.....Mein letzter Gedanke war: "Irgendwie muss ich die Geburt halbwegs gut schaffen."
Es war gut, dass die Schwester, kaum dass ich die Augen aufschlug, zur Stelle war. Sie holte die Hebamme, die mich untersuchte. Dabei platzte die Fruchtblase und alle versicherten mir, dass die Geburt nun schneller vorangehen würde.

Zum Geburtsvorgang und meinen Gefühlen währenddessen, kann ich nicht viel sagen, denn nur ihr, die ihr dasselbe erlebt habt, könnt nachvollziehen, was es bedeutet: künstliche Wehen zu haben; zu wissen, dass das Kind, das man in den Armen halten wird, nicht lebt.

Für mich bestand kein Zweifel: Ich wollte mein Kind sehen und halten.
Nachdem Teresa geboren war, wurde sie sofort in weiche Tücher gewickelt und mir auf die Brust gelegt. Mein Mann brach sofort in Tränen aus. Ich war so fertig, dass die Tränen erst langsam zu fließen begannen.
Ich dachte an all die Dinge, die ich mit diesem Kind gerne erlebt hätte - das Gewand, die Haarspangen, die ich schon vorher in allen möglichen Geschäften betrachtet hatte.
Ich hielt mein liebes totes Kind mit diesem roten Mund, aus dem kein Atem klang, und all meine Träume, meine Hoffnungen , meine Liebe, mein Leben war zerstört.

Ein Arzt kam zu mir ins Kreißzimmer. Er sagte nichts und streichelte nur meine Wange und das Gesicht meines Kindes. Es tat mir gut, dass er mir sein Mitgefühl und die Wertschätzung, die er meiner Tochter gegenüber empfand, in solcher Weise zeigen konnte.

Schließlich, nachdem Teresa 4 Stunden lang bei mir gelegen hatte, kam die Hebamme und fragte mich, ob ich mein Kind ins Zimmer mitnehmen wolle.
Ich persönlich wollte das nicht. Ich konnte mich im Kreißzimmer lange genug von meinem Kind verabschieden und übergab mein Mädchen der Hebamme.
Es war mittlerweile Nachmittag und man versicherte mir, ich könne mein Kind auch später noch einmal sehen, wenn ich dies wolle. Die Hebamme informierte uns auch darüber, dass Babys normaler Weise in einen Sarg beigelegt werden würden - man könne aber auch ein eigenes Begräbnis machen.

Wir entschieden uns für eine eigene Bestattung und sind heute froh darüber, dass wir wissen, wo unser Kind begraben ist!

Alleine lag ich im Krankenzimmer und weinte und weinte. Eine Schwester hatte mir das Buch von Hannah Lothrop "Gute Hoffnung, jähes Ende" in die Hand gedrückt. Ich blätterte und las. Mit Schrecken wurde mir plötzlich bewußt, dass ich kein Foto von meinem lieben Mädel besaß.
Als Christian wieder bei mir war, schickte ich ihn sofort in den Kreißsaal, um die Hebamme zu bitten, ein Foto von Teresa zu machen. Mein Mann brachte mir drei Fotos, die ich dann ständig vor mir liegen hatte und betrachtete. WARUM nur?!....da waren nur Tränen und ein unendlicher Schmerz!

Am nächsten Tag durfte ich das Spital verlassen. Mein Mann brachte Teresas Gewand und wir gaben es gemeinsam ab. Jetzt hätte ich meine Tochter gerne noch einmal gesehen oder sie am liebsten selbst angezogen. Aber dies war leider nicht möglich!

Ich hatte jedoch "Glück"! Wir bestellten einen Sarg, der zu öffnen war und so konnte ich mein Kind vor dem Begräbnis noch einmal sehen.
Teresa lag in ihrem weißen Sarg wie in einem Bettchen und sah aus als würde sie schlafen....sie war wunderschön!
Auch mein Sohn, er war zu dieser Zeit 6 Jahre alt, wollte seine Schwester sehen und heute sind wir froh darüber, dass wir ihm diesen Wunsch erfüllen konnten.

Es folgte eine mir unendlich erscheinende Zeit des Schmerzes, des Trauer und der Angst. Und immer dieses Gefühl: "DU fehlst mir so!"

Heute ist Teresa ein wichtiger Teil unserer Familie und unseres Lebens; sie hat ihren Platz in unseren Herzen!

Wenn ich heute an unser Mädchen denke, ist da die Trauer über jene Erlebnisse, die wir nicht mit ihr teilen können, und die Gespräche, die wir nie führen werden...

Aber da ist auch immer wieder ein Lächeln und.... viele wunderschöne Gedanken und Erinnerungen, an die wunderbare Zeit, die wir gemeinsam hatten, als sie noch ganz nahe bei mir im Bauch war!

Teresa, du bist ein ganz besonderer Mensch..... wir haben dich lieb!

 

Nun sind seit dem Tod meines Kindes schon einige Jahre vergangen. Wenn ich mich zurückerinnere, liegen die Erlebnisse ganz nah und sind doch schon wieder weit weg.
Im Dezember 1999 wurde unser Folgekind Matteo geboren. Während der Schwangerschaft erlebte ich immer wieder vielerlei Ängste und Erinnerungen an die Zeit mit Teresa kamen hoch. Matteo war aufgrund seiner Steißlage ein Kaiseschnitt. Er ist ein wunderbarer Junge: lebenslustig und aufgeweckt, sodass wir machmal das Gefühl haben, als müsse er für Teresa mitleben und hätte die Energie von 2 Kindern! :-)
Mein Kinderwunsch war aber noch nicht abgeschlossen und immer wieder sagte ich meinem Mann, dass ich mir doch noch ein Kind wünschen würde. Mein Mann verspürte jedoch eher Angst bei dem Gedanken und meinte immer wieder, wir könnten froh sein, 2 gesunde, lebende Kinder zu haben. So ergab ich mich einige Zeit in mein Schicksal und fand mich damit ab, keine weiteren Kinder mehr zu haben.
 
Doch schließlich trat ein Erlebnis in unser Leben, dass mich eindeutig dazu bestärkte, meinem Kinderwunsch doch noch zu folgen. Mein Mann sah das nun ähnlich ... und endlich nach weiteren 1,5 Jahren des Wartens bin ich nun wieder schwanger! Ich freue mich so, dass wir den Schritt noch einmal gewagt haben und möchte euch allen Mut machen, die Kinder, die ihr euch wünscht (so dies möglich ist!) auch zu bekommen!!
(Juni 2010)